Ruhepuls, was die Zahl auf deiner Uhr wirklich über dich sagt

Der Ruhepuls ist die Zahl der Herzschläge pro Minute in körperlicher Ruhe. In der US-Untersuchung NHANES 1999 bis 2008 lag der Median bei Männern zwischen 20 und 39 Jahren bei 69 Schlägen pro Minute, bei gleichaltrigen Frauen bei 74. Ein Wert unter 60 kann bei trainierten Ausdauersportlern normal sein, ein dauerhaft erhöhter Wert über 100 in Ruhe gehört ärztlich abgeklärt. Aussagekräftig ist nicht der einzelne Morgen, sondern die Richtung über mehrere Wochen.

Dr. Claire Coffey
Dr.
Claire Coffey
August 11, 2026
9 Min.
Eine Person liegt mit geschlossenen Augen und aneinandergelegten Händen auf hellem Bettzeug in gedämpftem Licht.

Das Wichtigste in Kürze

  • In der US-Untersuchung NHANES 1999 bis 2008 lag der mittlere Ruhepuls von Männern ab 20 Jahren bei 71 Schlägen pro Minute, der von Frauen bei 74.
  • Die ESC-Leitlinie zur Schrittmachertherapie von 2021 nennt 40 bis 50 Schläge in Ruhe und bis hinunter zu 30 Schläge im Schlaf bei trainierten Sportlern als möglichen physiologischen Befund.
  • Eine Metaanalyse im CMAJ 2016 mit 46 Studien und 1.246.203 Personen fand pro 10 Schläge mehr ein relatives Risiko von 1,09 für die Gesamtsterblichkeit, bei erheblicher Heterogenität und nachgewiesenem Publikationsbias.
  • Handgelenk-Wearables lagen in Ruhe im Mittel 7,2 Schläge pro Minute neben dem EKG, gemessen an 53 Personen (npj Digital Medicine 2020).
  • Nach Ausdauertraining sank der Ruhepuls in einer Metaanalyse von 2018 über 121 Vergleiche um durchschnittlich 6,0 Prozent gegenüber dem Ausgangswert.
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Was ist der Ruhepuls und was sagt er über dich aus?

Der Ruhepuls ist die Zahl der Herzschläge pro Minute, gemessen in körperlicher und geistiger Ruhe. Er zeigt, wie viele Schläge dein Herz braucht, um den Körper im Leerlauf zu versorgen. Zwei Größen bestimmen ihn. Das Schlagvolumen, also wie viel Blut pro Schlag transportiert wird, und der Zustand des vegetativen Nervensystems.

Genau deshalb ist der Ruhepuls für sportliche Menschen interessant. Ein trainiertes Herz pumpt pro Schlag mehr Blut und kommt mit weniger Schlägen aus. Der Ruhepuls ist damit ein grober Spiegel derselben Anpassung, die sich präziser in deiner maximalen Sauerstoffaufnahme abbildet.

Gleichzeitig reagiert er auf alles, was den Sympathikus aktiviert. Schlafmangel, Alkohol am Vorabend, ein Infekt, Stress vor einem Pitch. Ein einzelner Morgenwert sagt deshalb wenig. Die Richtung über zwei bis vier Wochen sagt viel.

Welcher Ruhepuls ist normal?

Es gibt keinen amtlichen Normbereich für den Ruhepuls, sondern gemessene Verteilungen in Bevölkerungsstichproben. In der US-Untersuchung NHANES 1999 bis 2008 lag der Median bei Männern zwischen 20 und 39 Jahren bei 69 Schlägen pro Minute, bei Frauen derselben Altersgruppe bei 74. Laut denselben Daten lagen die mittleren 50 Prozent der Männer zwischen 61 und 76 Schlägen, die der Frauen zwischen 66 und 82.

Die oft zitierte Regel, normal sei alles zwischen 60 und 100, hält einer genauen Prüfung nicht stand. Der NCHS-Report stellt zwei konkurrierende Definitionen nebeneinander. Die traditionelle klinische Konvention zieht die Grenzen bei unter 60 und über 100 Schlägen pro Minute, eine revidierte Fassung bei unter 50 und über 90. Nach der traditionellen Definition wären laut Report 15,2 Prozent der Männer in der gesunden Vergleichsstichprobe bradykard gewesen (95-Prozent-Konfidenzintervall 14,1 bis 16,4). Ein Grenzwert, der jeden siebten gesunden Mann als auffällig einstuft, taugt nicht als Urteil.

Für Deutschland gibt es keine vergleichbar detaillierte Perzentiltabelle. Die Gutenberg-Gesundheitsstudie berichtete 2019 für 15.010 Personen zwischen 35 und 74 Jahren einen mittleren Ruhepuls von 68 Schlägen pro Minute bei Männern und 70 bei Frauen. In der Teilstichprobe ohne Vorerkrankungen waren es 65 bei Männern und 69 bei Frauen. Eine Altersabhängigkeit fand die Studie in diesem Altersbereich nicht.

Warum Frauen im Schnitt höher liegen

Frauen haben einen messbar höheren Ruhepuls als Männer. In NHANES lag der Mittelwert bei Frauen ab 20 Jahren bei 74 Schlägen pro Minute, bei Männern bei 71. Der Report beziffert die Differenz auf 3 Schläge pro Minute und weist sie in allen Erwachsenengruppen bis 79 Jahre als statistisch signifikant aus. Die Gutenberg-Gesundheitsstudie fand in der gesunden Teilstichprobe 4 Schläge Unterschied. Die Richtung ist also stabil, die genaue Größe schwankt je nach Studie und Messmethode.

Ist ein niedriger Ruhepuls ein gutes Zeichen oder ein Warnsignal?

Ein niedriger Ruhepuls kann zwei völlig verschiedene Dinge bedeuten, und der Zahlenwert allein unterscheidet sie nicht. Bei trainierten Ausdauersportlern ist er Ausdruck eines effizienten Herzens. Bei anderen kann er eine behandlungsbedürftige Bradykardie sein, etwa durch eine Störung des Sinusknotens, einen AV-Block, eine Schilddrüsenunterfunktion oder als Nebenwirkung von Medikamenten.

Die ESC-Leitlinie zur Schrittmacher- und Resynchronisationstherapie von 2021 formuliert die Unterscheidung deutlich. Eine Sinusbradykardie sei in bestimmten Situationen physiologisch, etwa bei gut trainierten Sportlern, bei jungen Menschen und im Schlaf. Und weiter, eine Sinusbradykardie von 40 bis 50 Schlägen pro Minute in Ruhe oder bis hinunter zu 30 Schlägen im Schlaf könne besonders bei trainierten Athleten als physiologischer Befund akzeptiert werden, der keine Schrittmachertherapie erfordert.

Das entscheidende Kriterium ist also nicht die Zahl, sondern ob Beschwerden dazu kommen. Dieselbe Leitlinie hält fest, dass eine Sinusknotenfunktionsstörung nur dann als Schrittmacherindikation gilt, wenn die Bradykardie symptomatisch ist. Als mögliche Symptome nennt sie eine Spannweite von leichter Müdigkeit über Benommenheit und Schwindelattacken bis zu Beinahe-Ohnmacht und Ohnmacht.

Praktisch heißt das. Wenn du seit Monaten strukturiert Ausdauer trainierst, etwa mit langem Training im niedrigen Intensitätsbereich, und dein Ruhepuls parallel zur steigenden Leistungsfähigkeit gesunken ist, ist die Erklärung naheliegend. Wenn dein Ruhepuls dagegen fällt, ohne dass sich am Training etwas geändert hat, oder wenn Müdigkeit und Schwindel dazu kommen, ist das keine Trainingsanpassung, sondern ein Abklärungsgrund.

Ab wann ist ein hoher Ruhepuls ein Problem?

Auch ein hoher Ruhepuls hat harmlose und ernste Ursachen, und beide sehen auf dem Display gleich aus. Harmlos und vorübergehend sind Fieber, Flüssigkeitsmangel, Koffein, Alkohol, akuter Stress und Schlafmangel. Dauerhaft erhöhte Werte können dagegen auf eine Schilddrüsenüberfunktion, eine Anämie oder eine Herzrhythmusstörung hinweisen.

Die ESC-Leitlinie zu supraventrikulären Tachykardien von 2019 definiert die Sinustachykardie als Sinusrhythmus über 100 Schlägen pro Minute. Die sogenannte inadäquate Sinustachykardie beschreibt sie als anhaltend schnellen Sinusrhythmus über 100 Schlägen in Ruhe oder bei minimaler Aktivität, der in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Belastung steht. Als typisches Holter-Muster nennt sie eine mittlere Herzfrequenz über 90 Schlägen pro Minute über 24 Stunden.

Der wichtigste Sonderfall ist Vorhofflimmern. Es äußert sich häufig als unregelmäßiger, oft schneller Puls und bleibt bei einem Teil der Betroffenen ohne Beschwerden. Ein Wearable kann einen Verdacht auslösen, es kann die Diagnose aber nicht stellen. Dazu unten mehr.

Ein einzelner erhöhter Wert ist kein Befund. Ein Ruhepuls, der über Wochen unter gleichen Bedingungen gemessen dauerhaft über 100 liegt, ist einer.

Wann solltest du deinen Ruhepuls ärztlich abklären lassen?

Nicht der Zahlenwert entscheidet, sondern die Kombination aus Wert und Beschwerden. Es gibt Warnzeichen, bei denen du unabhängig vom gemessenen Puls ärztlichen Rat suchen solltest, und es gibt Konstellationen, bei denen ein Termin in der hausärztlichen oder kardiologischen Praxis sinnvoll ist. Die folgende Aufteilung ersetzt keine Untersuchung, sie hilft nur bei der Einordnung.

Sofort ärztlich abklären, im Zweifel über den Notruf 112.

  • Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht, besonders ohne erkennbaren Auslöser
  • Druck, Enge oder Schmerz in der Brust
  • Luftnot, die neu auftritt oder sich rasch verschlechtert
  • Herzstolpern oder Herzrasen zusammen mit Schwindel, Übelkeit oder Kaltschweißigkeit
  • Ein Puls, der sich plötzlich unregelmäßig anfühlt und nicht von allein wieder gleichmäßig wird

Zeitnah einen Termin vereinbaren.

  • Ruhepuls dauerhaft über 100 Schlägen pro Minute über mehrere Wochen, ohne Infekt und ohne erkennbaren Auslöser
  • Ruhepuls unter 50 Schlägen pro Minute, wenn du keinen regelmäßigen Ausdauersport treibst
  • Ruhepuls unter 50 mit Müdigkeit, Benommenheit, Leistungsknick oder Schwindel, auch wenn du trainierst
  • Eine Veränderung um mehr als 10 Schläge pro Minute über Wochen, die sich nicht durch Training, Krankheit oder Schlaf erklären lässt
  • Ein Wearable, das wiederholt einen unregelmäßigen Rhythmus meldet

Diese Liste ist eine Orientierung für das Gespräch, keine Diagnose. Ob ein Wert abklärungsbedürftig ist, hängt von Vorgeschichte, Medikamenten und Befund ab, und das lässt sich nur in der Praxis beurteilen.

Wie misst du deinen Ruhepuls richtig?

Der aussagekräftigste Zeitpunkt ist morgens direkt nach dem Aufwachen, noch im Liegen, vor dem ersten Kaffee und vor dem Blick aufs Handy. Wichtiger als der perfekte Zeitpunkt ist, dass du immer unter denselben Bedingungen misst. Sonst vergleichst du Tagesform mit Messfehler.

Zum Selbstmessen legst du Zeige- und Mittelfinger auf die Innenseite des Handgelenks, unterhalb des Daumens. Nicht den Daumen benutzen, der hat einen eigenen tastbaren Puls. Dann 30 Sekunden zählen und verdoppeln, oder besser eine volle Minute zählen, weil dabei auch Unregelmäßigkeiten auffallen.

Ein Blick auf die Referenzdaten lohnt sich, weil ihre Messbedingungen zeigen, wie streng definiert ein solcher Wert eigentlich ist. In NHANES wurde der Puls im Sitzen nach etwa vier Minuten ruhigem Sitzen über 30 Sekunden an der Speichenarterie getastet und verdoppelt. In der Gutenberg-Gesundheitsstudie wurde oszillometrisch gemessen, im Sitzen, nach 5, 8 und 11 Minuten Ruhe, und der Mittelwert der zweiten und dritten Messung verwendet. Zwei seriöse Studien, zwei unterschiedliche Verfahren. Wer seinen Morgenwert im Liegen mit solchen Tabellen vergleicht, vergleicht schon deshalb nicht exakt.

Wie genau misst deine Smartwatch den Ruhepuls?

Der Wert deines Wearables ist eine Schätzung, kein gemessener Herzschlag. Uhren und Fitnesstracker am Handgelenk arbeiten optisch, mit Photoplethysmographie. Sie leuchten in die Haut und rechnen aus dem reflektierten Licht auf Blutvolumenschwankungen zurück. Ein EKG misst dagegen die elektrische Aktivität des Herzens direkt. Das sind zwei verschiedene Dinge, die meistens dasselbe Ergebnis liefern und manchmal nicht.

Wie groß der Unterschied ist, hat eine Untersuchung in npj Digital Medicine 2020 an 53 Personen gegen ein EKG-Pflaster quantifiziert. In Ruhe lag der mittlere absolute Fehler der getesteten Consumer-Geräte bei 7,2 Schlägen pro Minute mit einer Standardabweichung von 5,4. Zwischen den Geräten war die Spanne groß, das genaueste lag bei 4,4 Schlägen, das ungenaueste bei 10,2. Unter Bewegung stieg der Fehler auf durchschnittlich 10,2 Schläge. Die Autoren fanden dabei keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Hauttypen, wohl aber deutliche Unterschiede zwischen Geräten und Aktivitäten. Zu dieser Arbeit existiert ein publizierter methodischer Kommentar, die Zahlen sind also nicht unwidersprochen.

Eine Validierung in JMIR mHealth and uHealth von 2019 über 24 Stunden gegen ein ambulantes EKG kam auf einen mittleren absoluten prozentualen Fehler von 3,12 Prozent im Schlaf und 7,21 Prozent im Sitzen für eine Apple Watch 3. Diese Untersuchung hatte allerdings nur einen einzigen Probanden und ist deshalb keine Populationsaussage, sondern eine Einzelfallvalidierung. Die Datenlage zur Alltagsgenauigkeit im Ruhezustand ist insgesamt dünner, als die Selbstverständlichkeit vermuten lässt, mit der wir diese Zahlen täglich ablesen.

Die praktische Konsequenz ist einfach. Nutze den Wearable-Wert als Trend über Wochen, nicht als Messwert für einen einzelnen Morgen. Und erwarte von ihm keine Diagnose. Die ESC-Leitlinie zum Vorhofflimmern von 2024 ist an dieser Stelle unmissverständlich. Sie verlangt für die Diagnose eine EKG-Dokumentation und stellt ausdrücklich klar, dass Wearables ohne EKG-Funktion, die typischerweise mit Photoplethysmographie arbeiten, dafür nicht ausreichen. Die entsprechende Empfehlung trägt die Empfehlungsklasse I und den Evidenzgrad A. Ein Hinweis deiner Uhr ist ein Anlass für einen Termin, nicht ein Befund.

Was sagt der Ruhepuls über deine Lebenserwartung aus, und was nicht?

Ein höherer Ruhepuls ist in Bevölkerungsstudien mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert. Eine Metaanalyse im Canadian Medical Association Journal von 2016 fasste 46 prospektive Kohortenstudien mit 1.246.203 Personen und 78.349 Todesfällen zusammen. Pro 10 Schläge pro Minute mehr lag das relative Risiko für die Gesamtsterblichkeit bei 1,09 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,07 bis 1,12) und für die kardiovaskuläre Sterblichkeit bei 1,08 (1,06 bis 1,10). Wer über 80 Schläge pro Minute lag, hatte gegenüber der niedrigsten Kategorie ein relatives Risiko von 1,45 für die Gesamtsterblichkeit.

Jetzt die Einordnung, die in den meisten Ratgebertexten fehlt. Erstens berichten die Autoren selbst erhebliche Heterogenität zwischen den Studien und einen nachgewiesenen Publikationsbias. Zweitens, und das ist der bemerkenswerte Punkt, halten dieselben Autoren fest, dass der Ruhepuls in den damaligen amerikanischen und europäischen Leitlinien zur kardiovaskulären Risikoabschätzung nicht als Messgröße empfohlen war. Ein Zusammenhang auf Bevölkerungsebene ist eben nicht dasselbe wie ein brauchbarer Risikomarker für eine einzelne Person.

Drittens ist die Beziehung nicht einfach linear nach unten offen. Die Gutenberg-Gesundheitsstudie fand 2019 an 15.010 Personen einen J-förmigen Verlauf mit dem niedrigsten Sterberisiko bei 64 Schlägen pro Minute. Oberhalb dieses Werts lag die Hazard Ratio pro 10 Schläge bei 1,30 (1,19 bis 1,41), unterhalb bei 1,36 (1,06 bis 1,76). Die Aussage, je niedriger desto besser, lässt sich daraus nicht ableiten.

Und viertens misst der klassische Ruhepuls möglicherweise nicht einmal das Richtige. In der Copenhagen Holter Study an 653 Personen zwischen 55 und 75 Jahren ohne erkennbare Herzerkrankung blieb nach voller Adjustierung für kardiovaskuläre Risikofaktoren nur die nächtliche Herzfrequenz als Prädiktor übrig, mit einer Hazard Ratio von 1,17 (1,05 bis 1,30). Der Ruhepuls am Tag und die 24-Stunden-Herzfrequenz verloren ihre Vorhersagekraft. Gemessen wurde dort per Langzeit-EKG in einem 15-Minuten-Fenster zwischen 2 und 2:15 Uhr, nicht per Wearable, die Übertragung auf Smartwatch-Nachtwerte ist also eine Extrapolation.

Deswegen gibt es hier auch keine Tabelle, die Ruhepulswerte in Lebensjahre übersetzt. Solche Tabellen kursieren, aber es gibt keine belastbare Quelle, aus der sie stammen könnten. Wer wissen will, wo er kardiovaskulär steht, kommt an Messgrößen nicht vorbei, die tatsächlich in der Risikoabschätzung verwendet werden, etwa der Zahl atherogener Lipoproteine im Blut. Weitere Beiträge dazu findest du in unserer Kategorie Stoffwechsel und Herz.

Wie senkst du deinen Ruhepuls?

Regelmäßiges Ausdauertraining ist der am besten belegte Hebel. Eine Metaanalyse in Journal of Clinical Medicine von 2018 wertete 191 Studien mit 215 Stichproben aus. Für Ausdauertraining über 121 Vergleiche mit 2.924 Trainierenden fiel der Ruhepuls in den Interventionsgruppen im Mittel von 72,4 auf 68,0 Schläge pro Minute, laut den gepoolten Daten ein Rückgang um 6,0 Prozent, während sich die Kontrollgruppen praktisch nicht veränderten. Die standardisierte Mittelwertdifferenz betrug minus 0,33 (95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,40 bis minus 0,26).

Zwei Details aus derselben Arbeit sind praktisch relevant. Krafttraining allein senkte den Ruhepuls über alle Studien hinweg nur schwach und in mehreren Untergruppen nicht signifikant. Und der Effekt hing vom Ausgangswert ab. Je höher der Ruhepuls vor dem Training, desto größer der Rückgang. Wer bei 55 startet, sollte also keine dramatische Veränderung erwarten, wer bei 80 startet, eher schon.

Für die Praxis heißt das, viel Umfang bei niedriger Intensität schlägt sporadische Härte. Das ist derselbe Trainingsbereich, den wir im Beitrag zu Zone-2-Training beschrieben haben, und derselbe, auf dem eine belastbare Wettkampfvorbereitung wie beim Aufbau eines Hyrox-Trainings aufsetzt. Die Anzahl der Trainingseinheiten während der Interventionen war in der Metaanalyse übrigens kein signifikanter Einflussfaktor auf die Veränderung, was gegen die Vorstellung spricht, mehr Einheiten seien automatisch besser.

Alles andere ist schlechter belegt. Weniger Alkohol, mehr Schlaf und weniger Koffein wirken plausibel über dieselben vegetativen Mechanismen, aber die Evidenz dafür ist deutlich dünner als für Ausdauertraining. Und ein wichtiger Vorbehalt zum Schluss. Ein hoher Ruhepuls kann Ausdruck einer behandelbaren Erkrankung sein. Die Autoren der Metaanalyse weisen selbst darauf hin, dass Training erst nach Ausschluss solcher Ursachen als Ansatz taugt, etwa Anämie oder einer Schilddrüsenüberfunktion. Trainiere nicht gegen einen Wert an, dessen Ursache du nicht kennst.

Gemessene Ruhepuls-Verteilung bei Erwachsenen, NHANES 1999 bis 2008

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Über den Autor

Dr. Claire Coffey
Dr.
Claire Coffey

Co-Founder & CTO NOA Health · Health Data Scientist, PhD (University of Cambridge)

Dr. Claire Coffey ist Co-Founderin und CTO von NOA Health. Sie promovierte an der University of Cambridge in Health Data Science und forschte am Helmholtz Munich zu erklärbarem Machine Learning. Ihre Arbeiten zu kardiovaskulärer Risikoprädiktion erschienen u. a. im European Heart Journal.

Häufige Fragen

Ist ein Ruhepuls von 50 zu niedrig?

Nicht automatisch. Die ESC-Leitlinie zur Schrittmachertherapie von 2021 beschreibt 40 bis 50 Schläge pro Minute in Ruhe bei trainierten Ausdauersportlern als möglichen physiologischen Befund. Entscheidend sind Beschwerden. Treten Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel oder Beinahe-Ohnmacht auf, oder trainierst du keinen Ausdauersport, gehört der Wert ärztlich abgeklärt.

Ist ein Ruhepuls von 90 noch normal?

Er liegt im oberen Bereich der gemessenen Verteilung. In NHANES 1999 bis 2008 lag das 95. Perzentil bei Männern zwischen 20 und 39 Jahren bei 89 Schlägen pro Minute, bei Frauen bei 95. Rund fünf von hundert Männern lagen also darüber. Der Report nennt zugleich eine revidierte Definition, die Tachykardie schon ab über 90 ansetzt. Bei dauerhaft 90 lohnt ein Gespräch in der Praxis.

Warum ist mein Ruhepuls morgens niedriger als abends?

Der Ruhepuls schwankt über den Tag mit der Aktivität des vegetativen Nervensystems, dazu kommen Koffein, Mahlzeiten, Bewegung und Stress. Deshalb ist die Messung morgens nach dem Aufwachen die vergleichbarste. Wichtiger als der absolute Wert ist, dass du immer unter denselben Bedingungen misst, sonst vergleichst du Tagesform mit Messfehler.

Kann meine Smartwatch Vorhofflimmern erkennen?

Sie kann einen Verdacht auslösen, nicht die Diagnose stellen. Die ESC-Leitlinie zum Vorhofflimmern von 2024 verlangt für die Diagnose eine EKG-Dokumentation und hält ausdrücklich fest, dass Wearables ohne EKG-Funktion, die mit Photoplethysmographie arbeiten, dafür nicht ausreichen. Die Empfehlung trägt Klasse I und Evidenzgrad A. Eine wiederholte Meldung ist ein Anlass für einen Termin.

Wie schnell sinkt der Ruhepuls durch Training?

Eine Metaanalyse von 2018 fand über 121 Vergleiche zum Ausdauertraining einen mittleren Rückgang von 72,4 auf 68,0 Schläge pro Minute, also 6,0 Prozent. Wie groß der Effekt ausfällt, hing dabei vom Ausgangswert ab. Je höher der Ruhepuls vorher, desto deutlicher der Rückgang. Die Zahl der Trainingseinheiten war kein signifikanter Einflussfaktor.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.

Mehr zur Redaktion

Quellen

  1. Ostchega Y, Porter KS, Hughes J, Dillon CF, Nwankwo T. Resting Pulse Rate Reference Data for Children, Adolescents, and Adults, United States, 1999 bis 2008. National Health Statistics Reports Nr. 41, National Center for Health Statistics, 2011. PDF
  2. Resting heart rate and all-cause and cardiovascular mortality in the general population, a meta-analysis. Canadian Medical Association Journal 2016, Band 188, Nr. 3, E53. doi 10.1503/cmaj.150535. Volltext
  3. 2021 ESC Guidelines on cardiac pacing and cardiac resynchronization therapy. European Heart Journal 2021, Band 42, Nr. 35, 3427. doi 10.1093/eurheartj/ehab364. Volltext
  4. 2019 ESC Guidelines for the management of patients with supraventricular tachycardia. European Heart Journal 2020, Band 41, Nr. 5, 655. doi 10.1093/eurheartj/ehz467. Volltext
  5. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation. European Heart Journal 2024, Band 45, Nr. 36, 3314. doi 10.1093/eurheartj/ehae176. Volltext
  6. Bent B, Goldstein BA, Kibbe WA, Dunn JP. Investigating sources of inaccuracy in wearable optical heart rate sensors. npj Digital Medicine 2020, Band 3, 18. doi 10.1038/s41746-020-0226-6. Volltext
  7. Nelson BW, Allen NB. Accuracy of Consumer Wearable Heart Rate Measurement During an Ecologically Valid 24-Hour Period, Intraindividual Validation Study. JMIR mHealth and uHealth 2019, Band 7, Nr. 3, e10828. doi 10.2196/10828. Volltext
  8. Reimers AK, Knapp G, Reimers CD. Effects of Exercise on the Resting Heart Rate, A Systematic Review and Meta-Analysis of Interventional Studies. Journal of Clinical Medicine 2018, Band 7, Nr. 12, 503. doi 10.3390/jcm7120503. Volltext
  9. Johansen CD, Olsen RH, Pedersen LR, Kumarathurai P, Mouridsen MR, Binici Z, Intzilakis T, Koeber L, Sajadieh A. Resting, night-time, and 24 h heart rate as markers of cardiovascular risk in middle-aged and elderly men and women with no apparent heart disease. European Heart Journal 2013, Band 34, Nr. 23, 1732. doi 10.1093/eurheartj/ehs449. Abstract
  10. Heart rate, mortality, and the relation with clinical and subclinical cardiovascular diseases, results from the Gutenberg Health Study. Clinical Research in Cardiology 2019. Volltext

Weiterlesen

ruhepuls
Checkup
<table> <thead> <tr><th>Gruppe</th><th>5. Perzentil</th><th>25. Perzentil</th><th>Median</th><th>75. Perzentil</th><th>95. Perzentil</th></tr> </thead> <tbody> <tr><td>Männer 20 bis 39 Jahre</td><td>52</td><td>61</td><td>69</td><td>76</td><td>89</td></tr> <tr><td>Frauen 20 bis 39 Jahre</td><td>57</td><td>66</td><td>74</td><td>82</td><td>95</td></tr> <tr><td>Männer 40 bis 59 Jahre</td><td>52</td><td>61</td><td>68</td><td>77</td><td>90</td></tr> <tr><td>Frauen 40 bis 59 Jahre</td><td>56</td><td>64</td><td>71</td><td>79</td><td>92</td></tr> <tr><td>Männer 60 bis 79 Jahre</td><td>50</td><td>60</td><td>67</td><td>75</td><td>91</td></tr> <tr><td>Frauen 60 bis 79 Jahre</td><td>56</td><td>64</td><td>70</td><td>78</td><td>92</td></tr> </tbody> </table> <p>Alle Werte in Schlägen pro Minute, entnommen aus Tabelle 2 und Tabelle 3 des National Health Statistics Report Nr. 41 (National Center for Health Statistics, 2011). Normativstichprobe 14.200 Erwachsene aus NHANES 1999 bis 2008, USA. Gemessen im Sitzen nach etwa vier Minuten Ruhe, Palpation der Speichenarterie über 30 Sekunden, verdoppelt. Ausgeschlossen wurden unter anderem Schwangere, Personen mit unregelmäßigem Puls, mit auffälliger Schilddrüsenfunktion und mit herzfrequenzwirksamer Dauermedikation. Eine gleichwertige deutsche Perzentiltabelle liegt nicht vor.</p>
August 11, 2026
Stoffwechsel & Herz
stoffwechsel-herz
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Claire Coffey
Co-Founder & CTO NOA Health · Health Data Scientist, PhD (University of Cambridge)
https://www.linkedin.com/in/claire-coffey/